[1] Quintus Mucius Auger pflegte viel aus
dem Gedächtnis und liebenswürdig über seinen
Schwiegervater Laelius zu erzählen und nicht zu zögern,
jenen bei jedem Gespräch einen Weisen zu nennen. Ich aber
wurde von meinem Vater nach Vollendung des sechszehnten
Lebensjahres (nach Anlegen der Männertoga) (dem) Scaevulus so
zur Ausbildung zugeführt, dass ich - soweit ich könne und
er es erlaube - niemals von der Seite des Alten weichen sollte; so
merkte (übergab ich dem Gedächtnis) ich mir viel von dem,
was er kluges diskutierte und auch viel von dem, was er kurz und
beiläufig sagte und strebte danach durch seine Weisheit
gelehrter zu werden. Nach dessen Tod begab ich mich zum Priester
Scaevola, den ich als einzigen unseres Volkes sowohl in als auch in
der als herausragend zu bezeichnen wage. Doch von diesem ein
andermal; jetzt kehre ich zu Augur zurück.
[2] Ich erinnere mich sowohl, dass er oft viele Dinge
sprach, als auch besonders erinnere ich mich, dass er zuhause in
einem halbrunden Lehnsessel sitzend, wie gewöhnlich - als nur
ich und wenige Bekannte anwesend waren - auf den
Gesprächsstoff kam, der in aller Munde war. Du erinnerst dich
nämlich doch gewiss, Atticus, wie groß die Verwunderung
und die Klage der Menschen war, als der Volkstribun Sulpicio sich
in tödlichem Hass von Pompeius getrennt hat, der damals Konsul
war und mit dem er sehr verbunden und freundschaftlich gelebt
hatte, und zwar umso mehr, weil du viel mit diesem verkehrtest.
[3] Deshalb trug uns Scaevola dann das Gespräch des
Laelius über die Freundschaft vor, das von jenem mit ihm und
dem anderen Schwiegersohn Fannius, dem Sohn des Marcus, wenige Tage
nach dem Tod des Africanus geführt wurde, weil er selbst diese
Sache zufällig berührte. Ich merkte mir die Hauptgedanken
jener Diskussion, welche ich nach eigenem Ermessen diesem Buch
übergab: gleichsam führte ich nämlich sie selbst als
sprechend auf, damit nicht so oft "inquam" und "inquit"
eingeschoben wird und dass es so scheint, als ob die Unterhaltung
von den persönlich anwesenden geführt wurde.
[4] Da du nämlich mit mir darüber verhandelt hast,
dass ich etwas über die Freundschaft schreiben sollte, schien
mir die Sache einerseits der allgemeinen Kenntnis, andererseits
unserer eigenen Freundschaft würdig zu sein. Deshalb habe ich
es gern getan, dass ich vielen auf deine Bitte nütze. Aber wie
ich im Cato Maior, der für dich über das Alter
geschrieben ist, den alten Cato selbstredend eingeführt habe,
weil keine Person geeigneter erschien, die über jenes
Lebensalter reden sollte, als seine Person, die sowohl sehr lange
alt war als auch selbst im Alter mehr als die anderen glänzte,
so erschien mir die Person des Laelius geeignet, weil wir von den
Vätern gehört haben, dass die Freundschaft des Laelius
und des Scipio sehr groß war, über die Freundschaft
gerade das zu erörtern, was nach der Erinnerung des Scaevola
von diesem getan wurde. Jedoch scheint diese Art von
Gesprächen aber, die auf dem Ansehen von Menschen aus
früheren Zeiten beruht - und zwar derer berühmter,
irgendwie mehr Gewicht zu haben. Deshalb habe ich manchmal selbst
beim Lesen meiner eigenen Werke den Eindruck, dass ich glaube, dass
Cato spricht und nicht ich.
[5] Aber wie damals ein Greis zu einem Greis über das
Greisenalter geschrieben hat, so habe ich in diesem Buch einem
Freund als Freund über die Freundschaft geschrieben. Damals
hat Cato gesprochen, der in jener Zeit der beinahe Älteste
war, niemand klüger, nun spricht Laelius über die
Freundschaft- dafür nämlich galt er - sowohl weise als
auch herausragend im Ruhm der Freundschaft. Ich wünsche, dass
du deinen Sinn auf kurze Zeit von mir wendest und glaubst, Laelius
spräche selber. Fannius und Mucius kommen nach dem Tod des
Africanus zu ihrem Schwiegervater; von diesen wird das
Gespräch eröffnet; es antwortet Laelius, der die ganze
(eigentliche) Erörterung anstellt, beim Lesen derer du dich
selbst wiedererkennen sollst.