Das grundlegende Neue der Lehre Jesu, die von den
christlichen Missionaren durch das römische Weltreich getragen
wurde, ist die Erwartung einer allgemein-menschlichen
Weltkatastrophe am Ende der Zeiten. Sein Weitgericht betrifft die
Menschen an sich, die Toten wie die Lebenden; sein
Erlöserbild, ein Selbstbildnis, zeigt den vom Himmel gesandten
Menschen, den Sohn Gottes und zugleich den Menschensohn, dessen
Gericht das Ende der Geschichte und eine völlig neue Welt
bedeutet. Damit wird verständlich, warum Jesus sich mit
solcher Leidenschaft gegen die Gesetzes- und Gelehrtenreligion der
Priester und Rabbiner gewandt hat, die in dem Glauben lebten,
irdisches und ewiges Heil des Menschen seien verbürgt, wenn
nur die Sittengesetze, das geltende Recht und die Ordnungen des
Kultes buchstabengetreu befolgt würden.
Das Evangelium Jesu Christi führt heraus aus dem
Bereich irdischer, d.h. sozialer und politischer
Erlösungshoffnungen. Dies ist die Kraft, die dem Christentum
über alle Zeitbedingtheit hinaus Dauer verliehen hat. Sie
brachte es aber auch von Anbeginn an in einen unlösbaren
Konflikt mit den politischen und sozialen Mächten der Zeit. So
musste es mit dem römischen Kaiserkult und seiner
Vergottungstendenz zusammenprallen, musste es die jüdischen
Hoffnungen auf den politischen Befreier und Erlöser
enttäuschen und konnte es als bindende und erhaltende Kraft im
Imperium Romanum selbst zu einer Zeit nicht wirken, als es bereits
alleinige Reichsreligion geworden war. Das große Drama des
Mittelalters, der Kampf zwischen Papsttum und Kaisertum, hat schon
hierin seine Wurzeln.
Konstantin beendete 313 die Zeit der
Auseinandersetzung. Er versuchte das Christentum dem römischen
Staat einzufügen. Aber schon zu Beginn dieses Unternehmens
zeigte sich die ständige Spannung zwischen
kaiserlich-weltlicher und geistig-bischöflicher Gewalt, die im
Westen später mehr und mehr vom römischen Papsttum allein
repräsentiert wurde. Der Kaiser aber fühlte sich als
oberste Instanz in allen Kirchenfragen, wenn er Reichskonzilien
einberief, um die Einheit der Kirche in Lehre und Verwaltung zu
wahren. Bedeutsam wurde das Bischofskonzil zu Nicäa im Jahre
325, wo die Lehre des Anus, Christus sei nur wesensähnlich mit
Gott, zugunsten der des Athanasius von der Wesensgleichheit Gottes
und Christi verworfen wurde. Dennoch lebte die arianische Richtung
im Osten, insbesondere bei den zum Christentum übertretenden
Germanenstämmen, weiter. Der Streit wurde nach einem
arianischen Rückschlag unter Constantius (355) und dem Versuch
einer heidnischen Restauration unter Julian Apostata (361-363) im
Konzil zu Konstantinopel (381) endgültig zugunsten des
Athanasianismus entschieden. 391 wurde das Christentum zur
alleinigen Staatsreligion; alle heidnischen Kulte wurden
verboten.
In der christlichen Kirche überlebte die
römische Verwaltungstechnik den Untergang des Imperiums. Sie
hätte das Christentum zur einigenden Macht erheben
können, wenn nicht der politische Gegensatz zwischen
Konstantinopel und Rom auch eine kirchlich-konfessionelle
Entsprechung gefunden hätte. Römisches Papsttum und
oströmisches Patriarchentum traten einander vor dem
Hintergrund der beiden gegensätzlichen Lehren von den zwei
Naturen Christi (göttliche und leibliche Natur, wie Rom
lehrte) oder der einen Gottnatur (vertreten von Konstantinopel)
feindlich gegenüber. Dem Konzil von Chalcedon (451) gelang es
nicht, diesen Gegensatz zu überbrücken. Gegen die dort
ausgesprochene Gleichberechtigung der Bischöfe von Rom und
Konstantinopel protestierte Papst Leo der Große (440-461),
der den alleinigen Führungsanspruch Roms verkündete.
Dieser innere Zwiespalt erlaubte es später dem
oströmischen Kaiser Justinian 1. (527-565), eine absolute
Herrschaft des Kaisers über die Kirche zu errichten. Man nennt
ihn daher auch den ersten Repräsentanten des Caesaropapismus,
eines politischen Systems, in dem weltliche und geistliche Macht in
einer Hand vereint liegen, wie dies zuerst im Osten des Imperiums,
später in Russland und in neueren Balkanstaaten verwirklicht
wurde.
Im Westen dagegen löste sich das Christentum
gemäß seinem Urauftrag, das Reich Gottes auf Erden
vorzubereiten, mehr und mehr vom Schicksal des Reiches ab. Als
Alarich Rom eroberte (410), schrieb der Bischof von Hippo Regius in
Numidien, Augustinus (395-430), sein Werk vom Gottesstaat (De
civitate Dei). Darin heisst es: "Was macht es uns aus, unter
welcher Herrschaft der Mensch lebt, der doch sterben muss, wenn ihn
nur die Machthaber nicht zu Gottlosigkeit und Unrecht
nötigen". Unter Papst Gregor dem Großen (590-604) aber
begann die Westkirche, den Grundstein für die Entstehung des
Kirchenstaates zu legen, einer weltlichen Machtbasis des Papsttums
auf italienischem Boden. So wurden der Westkirche Wege
offengehalten und Mittel bereitgestellt, um in eine neue
abendländische Epoche der Weltgeschichte aktiv und
mitgestaltend einzugreifen.