Der König
Der König ist die grösste und wertvollste Figur des Schachspiels. Der amerikanische Schachspieler und Psychoanalytiker Reuben Fine, der das Buch "Die Psychologie des Schachspiels" schrieb, verglich ihn mit einer entkräfteten Vaterfigur. Wie kommt es, dass der König so wichtig, aber auch so schwach ist?
Als die alten Inder das Schachspiel erfanden, entwarfen sie einen Spielstein für jede Waffengattung ihrer Armee. Die Figur des Königs entsprach dem antiken indischen Kaiser, dem "Schah-in-Schah". Dieser "König-der-Könige" war ein weiser Herrscher und kein Kriegsherr; die Schlachten fochten seine Generale. Wurde der Kaiser gefangen, bedeutete das den Untergang des Reiches. Dementsprechend kann das Spiel nur gewonnen werden, wenn der feindliche König gefangen wird. Dieser Gedanke macht das Schachspiel einzigartig.
Die Dame
Die Dame hat die interessanteste Geschichte aller Schachfiguren. Ihr Dasein begann sie als Mann, als Ratgeber des Königs. Die Figur geht auf die alten Perser zurück. Der Ratgeber, von ihnen "Firzan" genannt, konnte ein Feld in diagonaler Richtung ziehen und diente hauptsächlich dem Schutz des Königs. Die Figur wurde von den Arabern übernommen und stark abstrahiert. Die Europäer nannten die Figur später "Fers", abgeleitet von "Firzan". Da sie mit dem Wort keine Bedeutung verbinden konnten, interpretierten sie die Figur als Dame oder Königin, da sie neben dem König stand.
Die Dame hat durch die Weiterentwicklung des Spiels im 15. Jahrhundert ernorm an Kraft gewonnen. Sie wurde zur stärksten Figur auf dem Brett und übertrumpfte sogar die Türme und den König. Es ist immer noch fraglich, warum die Spanier, die das Spiel weiterentwickelt hatten, der Dame so viel Kraft gaben. Vielleicht wurden sie durch die spanische Königin Isabella oder die heilige Jungfrau Maria inspiriert.
Der Turm
Die Figur des Turms gab es schon im alten indischen Tschaturanga, nur stellte sie damals noch ein Wagen dar und wurde "rukh" genannt. Die Kriegswagen waren bis in 5. Jahrhundert ein Teil der alten indischen Armee. Als das Spiel nach Arabien kam behielt der "rukh" seinen Nameni, seine Darstellung wurde aber vereinfacht. In Europa erinnert nur noch die englische Bezeichnung "rook" an die Herkunft.
Wie aber hat sich die Figur von einem Kriegswagen zu einem Turm verändert?
Im Jahre 1527 veröffentlichte Vida, Bischoff von Albay, ein Gedicht über eine Schachpartie zwischen den Göttern Apollo und Merkur. Die Türme wurden als Befestigungen auf den Rücken von Elefanten dargestellt. Die europäischen Schachspieler übernahmen die Schilderung der Figur. In den Spielsätzen für den normalen Gebrauch liess man den Elefanten weg.
Der Läufer
Auch den Läufer gab es schon im indischen Urschach. Er wurde durch einen Elefanten dargestellt, auf dem ein bewaffneter Wärter sass. Die Araber nannten die Figur "al-fil", was so viel heisst wie "Elefant". Da Elefanten im mittelalterlichen Europa unbekannt waren, konnten die Europäer die Figur nicht erkennen. Sie wurde in den verschiedenen Ländern anders interpretiert. So kommt es dass der Läufer in England "bishop", in Frankreich "fou" (Narr) und in Italien "Alfiere" (Fahnenträger) genannt wird.
Auch der Läufer hat von der Verbesserung des Schachs im 15. Jahrhundert profitiert. Ursprünglich konnte er ein Feld diagonal überspringen. Der Sprung wurde abgeschafft, dafür konnte der Läufer nun beliebig weit über die Diagonalen ziehen.
Der Springer
Der Springer hat von allen Figuren am wenigsten Veränderungen während seiner Geschichte durchlebt. Seine einzigartige Zugbewegung hat er schon im Urschach. Die Inder stellten ihn als berittenen Krieger mit Schild und Schwert dar. Als die Araber die Figur übernahmen, wurde ihre Darstellung stark vereinfacht zu einer Haube mit dreieckiger Ausbuchtung. Im Mittelalter kamen wieder kunstvoll geschntizte Pferde in Mode. Der heute allgemein gebräuchliche Staunton-Springer wurde durch eine antike griechische Statue eines stampfenden Hengstes inspiriert.
Der Bauer
Schon seit den Anfängen des Schachs spielt der Bauer die Rolle eines Fusssoldaten. Im Mittelalter versuchten katholische Mönche die Bauern als Bürger darzustellen. Dabei war der erste Bauer (über dem linken Turm) ein Landarbeiter, der zweite ein Hufschmied, der dritte ein Weber, der vierte ein Kaufmann, der fünfte ein Artzt, der sechste ein Gastwirt, der siebte ein Polizist und der achte schliesslich ein Glücksspieler. Diese Unterscheidungen haben allerdings keinen Eingang in die Praxis gefunden.
Während es die Bauernumwandlung schon im indischen Urschach gab, wurde der Doppelschritt von der ersten Reihe aus und das "En-passant" Schlagen als direkte Folge erst im 15 Jahrhundert eingeführt.