Der dreidimensionale Fall
Das Schönste an der halbklassischen Theorie zum Schluß: das Elektronengas dreidimensional. Wir betrachten einen Festkörperwürfel: ein Gitter regelmäßig angeordneter Atomrümpfe, zwischen denen sich die frei beweglichen Leitungselektronen hindurchschlängeln. Wie in den vorangegangenen Überlegungen des ein- und zweidimensionalen Falls betrachten wir wieder das Elektronengas der Valenzelektronen. Gedanklich kühlen wir diesen Kristall und sein Gas auf die absolute Temperatur T = 0 ab und versuchen nachzuvollziehen, was mit den Elektronen passieren wird.
Mit dem Heisenbergschen Unschärfeprinzip und dem Paulischen Ausschließungsprinzip, den Grundaussagen unserer halbklassischen Theorie, stellen wir fest:
Der Ort eines Elektrons des Elektronengases ist
auf den Raum beschränkt, den der Kristall und somit das Gas
einnimmt. Für einen Kristall der Kantenlänge von zwei Metern
können wir die Ortskoordinaten eines Elektrons also nur mit
einer gewissen Unschärfe angeben: x = 0 ± 1 m;
y = 0 ± 1 m; z = 0 ± 1 m. Die
Koordinatenunschärfe ist die halbe Kantenlänge des Kristalls.
Wir sagen auch, die Ortsunschärfen
x,
y und
z betragen
je einen Meter.
Abhängig von der
Ortsunschärfe
x
ergibt sich nach Heisenberg eine
Mindestgeschwindigkeitsunschärfe
v. In den Grundlagen zur halbklassischen Theorie haben wir
uns ausführlicher damit beschäftigt. Weil wir es mit einem
Kristallwürfel zu tun haben, gilt:
x =
y =
z und
vx
=
vy
=
vz
. Im Folgenden bezeichnen wir die Ortsunschärfen mit
x, die Geschwindigkeitsunschärfen mit
v.
Paulis Prinzip fordert, wie
wir bereits wissen, daß sich jedes Elektron des im Würfel
eingeschlossenen Gases in einem anderen Zustand befinden
muß. Daraus folgt: bei T = 0 gibt es nur zwei
ruhende Elektronen des Gases (zwei Elektronen mit verschiedenem
Spin). Für ihre Geschwindigkeitskoordinaten gilt: vx
= 0 ±
v; vy = 0 ±
v; vz = 0 ±
v. Solch eine Geschwindigkeitsunschärfe
definiert einen Bereich im Geschwindigkeitsraum: ein
Volumen mit dem Inhalt (2
v)3.
Dieses Geschwindigkeitsvolumen, egal ob am Geschwindigkeitsnullpunkt oder anderswo, kann nur von maximal zwei Elektronen besetzt werden. Wir nennen es eine Zelle. Diese Zelle unterscheidet sich von den Geschwindigkeitszellen im ein- und zweidimensionalen Fall nur durch ihre Dimension; die Überlegung, die dahintersteckt, ist die gleiche.
Am absoluten Temperaturnullpunkt nehmen die freien Elektronen die energetisch niedrigsten Zustände ein, wie auch im Ein- und Zweidimensionalen. Nach der klassischen Theorie haben bei T = 0 alle freien Elektronen die Geschwindigkeit v = 0; doch nach unseren Überlegungen gibt es nur zwei freie Elektronen, die diese Geschwindigkeit zum Mittel haben. Die übrigen Elektronen sind gezwungen, die Nachbarzellen und ggf. weiter entfernte Zellen zu besetzen, deren Geschwindigkeiten alle ungleich null sind.
Die Nullgeschwindigkeitszelle bezeichnen wir auch als Nullenergiezelle oder kurz Nullzelle E0|0|0 , wobei der dreifache Index 0|0|0 die Position der Zelle im Geschwindigkeitsraum anzeigen soll.
Wir tun so, als hätten die Elektronen keine potentielle Energie, wir beschreiben das Modell eines freien Elektronengases. Dessen Teilchen haben nur kinetische Energie.
Dürfen wir das überhaupt?
Keine Panik: Rechnungen, die zusätzlich die elektrische Wechselwirkung der Elektronen untereinander berücksichtigen, weichen in ihren Ergebnissen nur geringfügig von denen unserer Rechnungen ab.
Überlegen wir uns einmal anhand eines Beispiels, wie sich die Elektronen bei T = 0 auf die Zellen des Geschwindigkeitsraumes verteilen, und welche Energie darum das Elektronengas (bei T = 0) hat.
Die Energie eines Elektronengases mit 15 Elektronen
In unserem Beispiel hat ein Elektronengas N = 15 Elektronen. Es befindet sich in einem würfelförmigen Kristall mit der Kantenlänge von zwei Metern. So ein Kristall wäre ein fast idealer Isolator (ideal wäre ein Isolator mit überhaupt keinem freien Elektron).
Bei T = 0 befinden sich zwei Elektronen in
der Nullzelle E0|0|0 , und die sechs
Nachbarzellen E1|0|0 , E-1|0|0
, E0|1|0 , E0|-1|0
, E0|0|1 und E0|0|-1
werden ebenfalls von je zwei Elektronen besetzt. Sie haben dort
die mittlere Geschwindigkeit von 2
v (vgl. den
zweidimensionalen Fall). Das letzte verbleibende Elektron
befindet sich in einer der zwölf nächsten Zellen,
beispielsweise in E1|0|1 . Dessen
Geschwindigkeit setzt sich aus einer x-Komponente und einer
z-Komponente zusammen. Das erinnert uns an Pythagoras:
v1|0|12 = ( 2
vx
)2 + ( 2
vz )2 = 2 (
2
v
)2 .
Nach den drei Bedingungen ...
E0|0|0 = 0 ;
E1|0|0 = ( M / 2 ) · ( 2
v )2
(1.18)
und
E1|0|1 = ( M / 2 ) · v1|0|12
= ( M / 2 ) · 2 ( 2
v )2 = 2 E1|0|0
... ergibt sich die Gesamtenergie EGas des Gases als Vielfaches von E1|0|0:
EGas = 2 E0|0|0 + 12 E1|0|0 + 1 E1|0|1 = 14 E1|0|0 .
Die Ortsunschärfe
x = 1 m bestimmt nach Gleichung (1.3) die Geschwindigkeitsunschärfe
v:
v = 7,3 ·10-4 m s-1
.
Nach Gleichung (1.18) (entsprechend zu Gleichung (1.1)) erhalten wir eine unvorstellbar kleine Gesamtenergie in Joule. Sie beträgt:
EGas = 14 · ( 9,1 ·10-31 kg / 2 ) · ( 2 · 7,3 ·10-4 m s-1 )2 = 1,4 ·10-35 J .
Wird es sich überhaupt lohnen, die Nullpunktsenergie eines Elektronengases in einem Metall mit einer sehr großen Elektronenzahl N auszurechnen? Oder ist die Nullpunktsenergie selbst dann noch so klein, daß wir sie vernachlässigen können? - Es gibt nur eine Möglichkeit, unsere Fragen zu beantworten.
Die Energie eines Elektronengases mit 2,7 ·1028 Elektronen
Von N = 15 auf N = 2,7 ·1028 Elektronen machen wir einen großen Sprung. Hier haben wir es mit so vielen Elektronen zu tun -- wir bräuchten mehr Zeit, alle Energien einzeln aufzusummieren, als das bisherige Weltalter! (würden wir ohne Unterbrechung in je einer Sekunde die Energie eines Elektrons aufschreiben, so hätten wir 8,5 ·1020 Jahre zu tun). Wir brauchen also eine andere Methode.
Diese neue Methode ist abstrakter und etwas komplizierter: Unsere Gedankenschritte spielen sich fast völlig im Geschwindigkeitsraum ab, der darüberhinaus dreidimensional ist (es gibt drei Richtungen, in die sich ein Elektron bewegen kann). Gehen wir wie im zweidimensionalen Fall vor:
Im Geschwindigkeitsraum gibt uns der Abstand eines Elektrons vom Ursprung dessen momentanen Geschwindigkeitsbetrag an. Bei T = 0 verteilen sich die Elektronen des Elektronengases so auf die Geschwindigkeitszellen, daß ihnen keine (kinetische) Energie mehr entzogen werden kann.
Da sich nur zwei der N = 2,7 ·1028 Elektronen die Nullzelle teilen können, müssen sich die anderen wohl oder übel mit den umliegenden Zellen begnügen. Die besetzten umliegenden Zellen bilden eine Kugel, ähnlich einer Flüssigkeit, die sich in der Schwerelosigkeit zu einer Kugel zusammenzieht. Diese Kugel ist nahezu vollkommen - die gewaltige Anzahl der Elektronen machts möglich. Der Rand der Kugel ist nicht genau festgelegt: Mehr oder weniger viele Elektronen können die gleiche größte Energie haben. Darum ist die Zahl der besetzten Zellen nur ungefähr gleich N/2.
Die größte Elektronenenergie heißt nach Enrico Fermi die Fermi-Energie EF . Entsprechend heißt die größte Geschwindigkeit Fermi-Geschwindigkeit vF .
Um die niedrigstmögliche Energie EGas des Elektronengases zu finden, suchen wir zunächst nach einer Formel, die uns eine Schalenenergie liefert. Wir stellen uns die Kugel aus konzentrischen Schalen mit dem Radius r und der infinitesimalen Dicke dr aufgebaut vor. Zuerst berechnen wir die Anzahl NZ von besetzten Zellen (nicht zu verwechseln mit N, der Zahl der Elektronen) einer Schale.
Alle Elektronen dieser Schale haben die gleiche Energie, die von dem jeweiligen Schalenradius abhängt. Haben wir eine Schalenenergie-Formel gefunden, so können wir die Energien aller Schalen - von der Innersten bis zur Äußersten - durch Integration aufsummieren. Als Belohnung erhalten wir die Gesamtenergie eines dreidimensionalen Elektronengases bei T = 0. Die Arbeit ruft!
Also, eine Kugelschale besetzter Zellen hat den Radius r und die Dicke dr. Das infinitesimale Schalenvolumen dV ergibt sich nach der Formel:
dV = 4 p r2 · dr . (1.19)
Das Volumen einer Zelle kennen wir auch: (2
v)3.
Mit (1.19) bestimmen wir die Anzahl dNZ
der Schalenzellen:
dNZ = dA / ( 2
v )3
= ( 4 p r2 ·
dr ) / ( 2
v )3 . (1.20)
Die kinetische Energie EZ beider Elektronen einer Zelle liefert Gleichung (1.9). Wir schreiben sie der Übersicht wegen noch einmal hin:
EZ = 2 · ( M / 2 ) · r2 .
Daraus folgt, siehe Gleichung (1.10):
dE (r) = dNZ · EZ
= [ ( 4 p r2
· dr ) / ( 2
v )3 ] · 2 ( M /
2 ) · r2
= [ ( 4 p M )
/ ( 2
v
)3 ] · r4 · dr . (1.21)
Sehr schön! Wir haben es gleich geschafft: dE (r) ist die gesuchte Schalenenergie in Abhängigkeit vom Schalenradius r. Mittels Integration summieren wir die Schalenenergien aller Schalen vom Radius r = 0 bis zum Radius r = RF auf (bzw. die Energien von E = 0 bis E = EF).
(1.22)
(1.23)
Eine schöne Formel wie (1.23) für die Gasenergie zu haben, ist gut; sie auch konkret auszurechnen, ist natürlich besser. Nur noch unsere Unkenntnis des Fermi-Radius RF (der Fermi-Geschwindigkeit) hindert uns daran, gleich loszulegen. Um ihn zu bestimmen, brauchen wir nur zwei Formeln. Beide beschreiben das Kugelvolumen V unserer Kugel, der Fermi-Kugel oder wie immer du sie nennen möchtest. Mit Formel Nr. 1 ...
V = ( 4 / 3 ) · p RF3 (1.24)
... und Formel Nr. 2 ...
V = ( N / 2 ) · ( 2
v )3
(1.25)
... bekommen wir RF durch Gleichsetzen:
( 4 / 3 ) · p
RF3 = ( N / 2 ) · ( 2
v )3
<=>
(1.26)
Bis hierher haben wir die Form des Metallwürfels
nicht erwähnt. Um die Geschwindigkeitsunschärfe
v in
Gleichung (1.26) konkret auszurechnen,
erinnern wir uns: Die Kantenlängen des Würfels betragen zwei
Meter, die Ortsunschärfe(n)
x somit 1 m. Das
ergibt (nach Gleichung (1.16)) etwa
die Geschwindigkeitsunschärfe(n)
v = 7,3 ·10-4 m
s-1. Daraus folgt ein Fermi-Radius bzw.
eine Fermi-Geschwindigkeit von:

Dieses Ergebnis setzen wir in Gleichung (1.23) ein:

![]()
Wow! Es hat sich tatsächlich gelohnt, die Energie des Gases auszurechnen (das hast du sicherlich auch vermutet -- sonst hätten wir wohl kaum diesen Haufen an Rechenschritten mit dir zusammen durchziehen können!).
Dieses Ergebnis zeigt deutlich den Unterschied zwischen der klassischen und unserer halbklassischen Theorie, die wir lediglich mit zwei quantenphysikalischen Prinzipien entwickelt haben.
Wie auch im zweidimensionalen Fall zum Schluß eine kurze Ausführung, wie sich das Gas im Würfel verhält, wenn es -- beispielsweise auf Raumtemperatur -- erhitzt würde.
Das Elektronengas zu erhitzen bedeutet, ihm mehr kinetische Energie zuzuführen. Auf unser halbklassisches Modell übertragen: Elektronen würden dabei ihre ursprünglichen Zellen verlassen und sich andere Zellen suchen, die vom Geschwindigkeitsnullpunkt weiter entfernt sind. Und das bedeutet für unsere Fermi-Kugel:
Wenn ihr nur ein wenig Energie zugeführt wird, wie bei der Erwärmung des Metallfestkörpers von T = 0 auf T = 300 K, dann können nur die äußersten Elektronen ihre Zellen verlassen und weiter außen befindliche Zellen besetzen. Elektronen, die sich in Zellen tief innerhalb der Kugel befinden, können ewig warten, bis eine Nachbarzelle frei wird. Nur etwa ein hundertstel aller Leitungselektronen kann die Wärmeenergie des Gitters aufnehmen.
Die Kugel wird umso stärker zerstört, desto stärker das Gas erhitzt wird (der Fermi-Eisblock beginnt zu schmelzen!). Bei Raumtemperatur ist die Kugel noch stark ausgeprägt und das Gas der Leitungselektronen besitzt nur eine geringe spezifische Wärmekapazität.
Wir hoffen, dir mit dieser Symbiose aus Theorie und Anwendung einen Vorgeschmack auf die quantenmechanische Theorie der Elektronengase gegeben zu haben. Dort wird es (leider? hoffentlich?) noch viel abstrakter. Aber wenn wir uns erst einmal eingearbeitet haben, werden wir in der Lage sein, ein Elektronengas genauer zu beschreiben.
Es beginnt zu dämmern. Beim nächsten Klicken auf dem Schirm wird die Quantenmechanik aufgehen.