
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts stand Ägypten auf einmal wieder im Mittelpunkt des Interesses. Man suchte nach Zeugnissen der Geschichte dieses berühmten Landes, bewunderte die überlieferten Beispiele seiner Kunst und stand vor den geheimnisvollen Schriftzeichen der Hieroglyphen wie vor einer verschlossenen Tür. Alles drehte sich um folgende Frage:
Das war das grosse Rätsel, bis... und hier beginnt die Geschichte eines wissbegierigen Jungen aus Südfrankreich, dessen Leben für alle Zeit mit den Hieroglyphen verbunden sein sollte.
23. Dezember 1790. 2 Uhr morgens.
In Figeac, einem kleinen Städtchen in Südfrankreich, freut sich das Ehepaar Champollion über die Geburt eines zweiten Sohnes. Er wird auf den namen Jean François getauft. Doch in die grosse Freude mischten sich bald auch Sorgen wegen der Zukunft des Jungen. Denn da war etwas Seltsames geschehen!
Noch zu Beginn des Jahres 1790 stand es schlimm um die Mutter des kleinen Jean François: sie war gelähmt und - wie es schien - unheilbar krank. Da kein Arzt ihr helfen konnte, wandte sich der Ehemann in seiner Verzweiflung an einen Zauberer mit Namen Jacquou. Und tatsächlich: mit heissen Kräutern, mit Kräuterwein zum Trinken und Einreiben wurde die junge Frau innerhalb von drei Tagen geheilt. Mehr noch - der Zauberer Jacquou prophezeite dem erstaunten Ehepaar Champollion noch vor Jahresende die Geburt eines gesunden Jungen. Und ausserdem sagte er voraus, dass dieser Junge ein Wunderknabe sein werde; ihm werde grösste Begabung geschenkt sein, er werde "ein Licht kommender Jahrhunderte" sein!
Dass Jean François wirklich äusserst begabt war, zeigte sich schon bald. Wenn die Mutter ihm am Abend aus der Bibel vorlas, hörte der Junge aufmerksam zu. Er konnte jeden Text, den er nur einmal hörte, auswendig wiederholen. Da erinnerte sich der Vater der Weissagung des Zauberers und bekam es mit der Angst. Denn sein Sohn sollte alles andere werden als ein Wunderkind. Er, der Vater, besass in Figeac eine Buchhandlung. Und sein Sohn sollte ebenfalls ein guter Buchhändler werden und ein ruhiger, anständiger Bürger seiner Stadt. Nicht weniger, aber bitte auch nicht mehr. Daher untersagt der Vater kurzerhand die abendlichen Vorlesestunden. Worauf der kleine Jean François eine Bibel aus dem Laden des Vaters holte und sich damit auf dem Dachboden des elterlichen Hauses versteckte.
Jean François weiss genau, wo er die Texte, die er schon auswendig kennt, in der Bibel finden kann. Er fängt an, die Schrift in der Bibel zu untersuchen. Er vergleicht die gesprochene Sprache mit dem Schriftbild. Er vergleicht die Länge einzelner Wörter. Er stellt Unterschiede und Übereinstimmungen fest. Vor allem merkt er, dass in seiner Muttersprache offensichtlich Schrift und Aussprache nicht übereinstimmen. Er findet die Bedeutung der Silben, der Buchstaben und der Wortstellungen selbst heraus, bevor er überhaupt Unterricht im Lesen und Schreiben erhält.
Da Jean François sehr schwächlich ist, wird er nicht in die allgemeine Schule geschickt; er erhält Privatunterricht. Doch schon nach kurzer Zeit holte ihn sein älterer Bruder nach Grenoble. Dort, so meinte der Bruder, könnte der kleine begabte Jean François eine bessere Ausbildung bekommen.
Dieser ältere Bruder war von Beruf Kaufmann; aber nicht freiwillig. Eigentlich hatte er Soldat in der Armee Napoleons werden wollen; denn sein Ziel war Ägypten, und alle Welt wusste, dass Napoleon einen Feldzug nach Ägypten plante. Aber er war in die Armee nicht aufgenommen worden.
So befriedigte er seine Neugierde an allem Ägyptischen dadurch, dass er eine Zeitschrift abonniert hatte; sie hiess: Courier de l'Egypte - Kurier aus Ägypten. In dieser Zeitschrift stand alles, was die Wissenschaftler an neuen Erkenntnissen über Ägypten zu berichten wussten. Eine Nummer dieser Zeitschrift fiel eines Tages auch Jean François in die Hände. Und gerade in dieser Nummer fand er die Abbildung eines beschrifteten Steines; diesen Stein hatten französische Soldaten aus Napoleons Heer in der Nähe von Rosetta gefunden. Rosetta heisst auf Arabisch Raschid und liegt westlich des Nildeltas am Ufer des Mittelmeeres. Dieser Stein sollte in der Spachwissenschaft noch eine grosse Rolle spielen!
Was war an diesem Stein von Rosetta das Besondere?
Jean François Champollion ist ganze elf Jahre alt, als er den Stein von Rosetta zum erstenmal sieht; und das noch auf einer ziemlich schlechten Abbildung. Als er erfährt, dass noch niemand die Hieroglyphen entziffen kann, nimmet er sich vor: ich werde sie entziffern und will sie lesen können!
Wie ernst der elfjährige Jean François seine Begeisterung für die Kultur Ägyptens nimmt, mag man daran ermessen, dass er bereits ein Jahr später darangeht, alle Sprachen zu studieren, die ihn möglicherweise dem Ägyptischen näherbringen könnten. Er schreibt sich als Student bei der Akademie der Wissenschaften in Grenoble ein. Als Fünfzehnjähriger lernt er Chinesisch, weil er hofft, eine Verwandtschaft mit dem Ägyptischen nachweisen zu können. Er beschäftigt sich sogar mit ganz entlegenen Sprachen: mit dem Zendischen, mit Pahlavi- und Parsi-Textproben.
Alle diese Studien bringen ihn aber in seinen eigentlichen Bemühungen nicht weiter - mit Ausnahme seiner Studien der koptischen Schrift. Seine Kenntnisse des Koptischen sollten ihm später manche Brücke zur Entzifferung der Hieorglyphen bauen.
Mit 16 Jahren will Champollion nach Paris gehen. Er hofft, dass er dort mehr Material für seine Arbeiten findet. Wie jeder Schüler, der die Akademie verlässt, soll er eine Abschiedsrede halten. Er schreibt jedoch ein ganzes Buch mit dem Titel "Ägypten unter den Pharaonen". Als Abschiedsrede liest er nur die Einleitung aus seinem Buch vor. Begeistert schliesst ihn der Präsident der Akademie in die Arme. Und mit 16 Jahren wird Champollion Mitglied der Akademie!
Lange bleibt Champollion indessen nicht in Paris. Mit neunzehn Jahren kehrt er nach Grenoble zurück - als Professor für Geschichte an der dortigen Universität. Er lehrt nicht nur an der Universität, er betätigt sich auch politisch. Er ist ein begeisterter Anhänger Napoleons und schreibt Spottlieder auf die vom französischen Königsthron vertriebenen Bourbonen. Champollions Texte kamen an: seine Spottlieder wurden wie Schlager auf allen Gassen gesungen.
Aber als Liedermacher hat er Pech. Napoleon verliert die Macht und wird auf Elba verbannt; die Bourbonen kehren auf Frankreichs Königsthron zurück. Champollion wird wegen Hochverrats angezeigt und verbannt - nach Italien. Seine Zeit der Verbannung dauert zum Glück nicht lang, er wird begnadigt und darf nach Frankreich zurückkehren.
Wenngleich er sich in Italien ebenfalls mit dem Problem der Hieroglyphen beschäftigen konnte, so findet er sein eigenen Arbeitsmaterial und alle seine eigenen Unterlagen erst in Frankreich wieder.
Die Hauptfrage lautet: Stellen die Hiroglyphen vielleicht doch eine Bilderschrift dar? - nicht also eine buchstabenschrift, in der jedes Zeichen für einen Laut steht, sondern eine Schrift von Bildern, in der jedes Bild für ein Wort, einen Begriff oder sogar einen Satz steht? Das will Champollion einfach nicht vermuten, wennglich er nicht begründen kann, warum.
Tatsächlich waren die meisten Wissenschaftler vor ihm davon ausgegangen, die Hiroglyphenschrift sei eine reine Bilderschrift. Dabei beriefen sie sich auf einen gewissen Horapollen, der im 4. Jahrhundert nach Christus gelebt hatte.
Schon der Name dieses Horapollon ist bezeichnend. In ihm spiegelt sich die Verschmelzung unterschiedlicher religiöser Vorstellungen dieser Zeit rund um das Mittelmeer wieder. Denn sein Name setzt sich aus dem des ägyptischen Gottes Horus und dem des griechischen Gottes Apollo zusammen.
Dieser Horapollon hatte selbst die Hieroglyphen schon nicht mehr lesen können, denn - so nommt man heute an - der letzte echte Hieroglyphentext wurde etwa um das Jahr 310 nach Christus geschrieben. Horapollon sah nur, dass in der Hieroglyphenschrift so viele Bilder verwendet wurden. Also berichtete er der Nachwelt, die Ägypter hätten sich mit den Hieroglyphen einer Bilderschrift bedient.
Da nun viele Wissenschaftler der Ansicht waren, als Fast-Zeitgenosse der alten Ägypter habe Horapollon doch wirklich Bescheid wissen müssen, vertrauten sie auch seiner Behauptung.
Im Jahr 1821 - Champollion ist 30 Jahre alt - kehrt er nach Paris zurück. dort erwartet ihn sein Bruder. Seine Zukunft ist unsicher. Er hat Finde in Paris. Die politische Lage in der französischen Hauptstadt ist nach den Wirren von Revolution, Kaisertum un Königtum immer noch unsicher. Champollion fühlt sich krank und schwach. doch er weiss, dass in seinem Heimatland die Provinz wenig, Paris aber alles bedeutet. Hier will er endlich das Geheimnis der Hieroglyphen lösen. doch das hat seine Schwierigkeiten. Denn der stein von Rosetta ist inzwischen in England gelandet.
Im Jahr 1801 verloren die Franzosen die Schlacht bei Alexandria gegen die Engländer; viele ägyptische Altertümer aus Napoleons Kriegszügen fielen den Engländern in die Hand - darunter auch der Stein von Rosetta. Napoleon hatte ihn zunächst im Ägyptischen Institut in Kairo aufgestellt; auf Weisung des englischen Königs Georg III. wurde er aber ins Britische Museum in London gebracht. Champollion schrieb nach London mit der Bitte um eine Kopie des berühmten Steines.
Champollion ordnet zunächst einmal das, was er von den Hieroglyphen weiss, um für sich selbst eine logische Grundlage zu seinen weiteren Überlegungen zu schaffen:
Aber wie fortfahren? Bisher gibt es über die Hieroglyphen folgende Ansichten:
Ohne Beweisführung aber kann sich Champollion keiner der Meinungen anschliessen. Er nimmt sich vor, einfach von bestimmten Voraussetzungen auszugehen, die ihm logisch erscheinen. An den Ergebnissen will er dann prüfen, ob seine Voraussetzungen richtig gewesen sind:
Von jetzt an arbeitet Champollion an dem Hieroglyphentext des Steins von Rosetta, wie er viele Jahr zuvor auf dem Speicher des elterlichen Hauses lesen gelernt hat. Er vergleicht Wortlängen und -stellungen, zählt "Buchstaben" aus und kommt zu dem Ergebnis, dass der Stein von Rosetta 486 griechische Wörter, aber 1419 Hieroglyphen enthält.
Champollion überlegt: wäre jede Hieroglyphe ein Zeichen für ein Wort oder einen Begriff, dann wäre der Hieroglyphentext viel länger als der griechische Text; viel schlimmer: dann hätten die drei Texte auch nicht den gleichen Inhalt! Und das kann nicht sein!
Champollion schliesst daraus, dass die Hieroglyphen Zeichen für einzelne Laute sind, zumindest in den Eigennamen. Aber da kommt ein besonders schwieriges Problem auf ihn zu. Im griechischen Text des Steines kommen 10 Personennamen vor: zum Beispiel Ptolemäus, Alexander, Arsinoe, Berenike. Champollion kann die griechische Schreibweise zuverlässig in die lautliche Schreibweise des demotischen Textes und in die Schreibweise des Hieratischen und von da aus in die entsprechenden Hieroglyphen übertragen. Da fällt ihm beim Verglecih mit der hieroglyphischen Schreibweise auf dem Rosette-Stein auf, dass dort, wo eigentlich gleiche Zeichen für gleiche Laute stehen sollten, zwei gänzlich unterschiedliche Zeichen stehen. Davon lässt sich Champollion nicht irremachen. Er ist von seiner Art, die Hieroglyphen zu lesen, überzeugt. Er deutet diese unterschiedlichen Zeichen für gleiche Laute als Homophone (Gleichlaute).
Endlich bekommt Champollion neues Arbeitsmaterial. Der französische König kauft einen Papyrus, in welchem Champollion den Namen findet, nach dem er schon lange gesucht hat: Kleopatra. Der Name ist in demotischer Schrift geschrieben.
Champollion gelingt es aufgrund seiner Kenntnisse, den Namen Kleopatra umzuschreiben in hieroglyphische Schrift! Das ist eine erstaunliche Leistung. Noch nie hat er zuvor den Namen Kleopatra wissentlich in hieroglyphischer Originalschrift gesehen. Er kennt nur den Namen Ptolemäus in Hieroglyphen. Aber hat er ihn auch richtig geschrieben? Auf die Bestätigung muss er warten. Da er hofft, dass in beiden Namen das 'l' richtig durch einen Löwen geschrieben wird, soll er in dieser Zeit des Wartens gesagt haben: "Die beiden Löwen werden dem Löwen zum Siege verhalfen!"
Endlich erhält er im Januar 1822 eine Abschrift der Hieroglyphen-Inschrift eines Obelisken aus Philae. Champollion ist aufs äusserste gespannt, denn in dieser Inschrift steht Zeichen für Zeichen im zweiten Oval der Name Kleopatra genauso geschrieben, wie er ihn aus dem Demotischen selbst zurückgebildet hat!
Das ist der Beweis für die Richtigkeit seiner Annahmen.
Das erste Zeichen in "Kleopatra" kann nur ein K sein. Das letzte Zeichen in "Ptolemäus" kann nur ein S sein. In beiden Namen wird das L durch den Löwen geschrieben. Drei weitere Zeichen ergeben sich durch Vergleiche der Namen.Damit hat Champollion 5 Zeichen nicht nur lesbar gemacht, sondern sogar bewiesen.
Zweifel darüber, dass dieses System der Übersetzung nur bei Namen, die ursprünglich aus dem Griechischen oder Lateinischen stammen, wie Kleopatra oder Ptolemäus, gültig sei, konnte er im Jahre 1822 mit der Übersetzung des Namen "Ramses" beseitigen.
14. September 1822. Es ist Vormittag. Champollion arbeitet an dem Problem der Entzifferung. Er ist wie im Fieber. Seine Nerven sind bis zum Zerreissen angespannt; dabei ist er ohnehin schwach und kränklich. Aber jetzt ist er sicher: er kann nicht nur die eigentlich unägyptischen, fremden Namen aus der römischen Besatzungszeit, Namen also, die ja erst aus dem Lateinischen oder Griechischen in das hieroglyphische System übertragen wurden, lesen ... nein, er kann auch viel ältere, original äypitische Pharaonennamen entziffern.
Ausser sich vor Freude eilt er zu seinem Bruder, wirft ihm seine Papiere auf den Tisch und ruft: "Je tiens l'affaire!" ... und fällt in Ohnmacht. Fünf Tage und Nächte liegt er in tiefem Nervenfieber.
Im Jahre 1801 nahm Jen François Champollion sich vor: "Ich werde die Hieroglyphen entziffern!" - 21 Jahre danach schickt er den berühmten Brief an die Academie Française, in welchem er bekanntgibt, wie er die Namen von Pharaonen lesen kann. Er fügt ein Papier bei, auf welchem er darstellt, welche hieroglyphischen Zeichen in den Namen den griechischen Lautzeichen zuzuordnen sind. Dieser Brief wird später unter dem Titel "Brief an Herrn Dacier (seinerzeit Sekretär der Akademie) betreffend das Alphabet der phonetischen Hieroglyphen" veröffentlicht. Champollion behauptet darin noch nicht, die Entzifferung der Hieroglyphen vollbracht zu haben; er sagt nur, dass es ihm möglich ist, Eigennamen zu übersetzen.
Auf seiner Ägypten-Reise von 1828 findet er dann aber seine Theorie bestätigt, dass die "reinen Hieroglyphen", also jene, die keine Eigennamen darstellen, auf die gleiche Art und Weise zu übersetzen sind wie die Eigennamen.
Im Jahre 1832 stirbt Jean François Champollion; wahrscheinlich an einer Infektionskrankheit, die er sich in Ägypten zugezogen hat.