TECHNO HAT EINE GESCHICHTE, EIN HIRN UND EIN GESCHLECHT -"courtesy of PartyNews Magazine"
Eine Musik, die unter Gedächtnisschwund leidet, die ihre Vergangenheit vergessen hat.
Lange Zeit haben die Verfechter der Technomusik die Rolle der Entdecker, ja der Erfinder
dieser Musik für sich beansprucht. Wer ihnen zuhört, der glaubt am Ende, die
elektronischen Klänge seien aus dem Nichts entstanden ... Vom Himmel gefallen, wären sie
in die Hirnzellen einiger auserwählter DJs und Komponisten eingedrungen und hätten dort
gekeimt.
Vielleicht dachten diese Leute, sie könnten diese Musikstile durch Abkoppeln von ihren
Wurzeln besser in die Zukunft projizieren. Aber da haben sie vergessen, dass die Zeit wie
ein Blatt Papier ist, wie eine Fläche, die man zu einem Akkordeon falten kann. Epochen
berühren einander, ernähren sich voneinander. Wer in der Techno nur die Dimension der
Zukunft betrachtet, ohne sie in der Vergangenheit zu verankern, der löscht damit auch
ihre menschliche Dimension und ihren zeitlosen Reichtum.
Nein, House-Music ist nicht an einem schönen Sommertag 1987 irgendwo in Grossbritannien
zur Welt gekommen. Was passierte, ist folgendes: Innert wenigen Monaten wurde die
Tanzmusik, die üblicherweise vom Underground-Publikum belächelt wurde, praktisch über
Nacht zur Musikbibel einer breiteren Subkultur. Mit der Explosion der Acid-House und der
Invasion der Hitparaden durch Hits wie "Pump Up the Volume", "Beat
Dis" oder "Pacific" von 808 State, begeisterte sich eine neue, vom
Identitätslos gewordenen Rock gelangweilte Generation für die binären Rhythmen und
hypnotischen Schlaufen einer spielerischen Partymusik. Aber alle diese Strukturen und
Techniken wurden schon Jahrzehnte davor durch die Vorläufer der seriellen Musik
geschaffen.
Wenn wir zu den Quellen der Technomusik vordringen wollen, muss uns die Zeitmaschine
irgendwann an den Anfang dieses Jahrhunderts zurückbefördern. Zu dieser Zeit erfand der
amerikanische Wissenschaftler Thaddeus Cahill aus Massachussetts das Dynamophon, das erste
elektrische Musikinstrument überhaupt. Das Ding war 200 Tonnen schwer und produzierte
anarchische, wilde Töne ... unnötig hinzuzufügen, dass aus dem Apparat kein
Verkaufsschlager wurde. Zwei Jahrzehnte später baute der russische Forscher Leon Termen
den Theremin, eine rudimentäre Elektroorgel, die den Keyboards der Moog-Synthesizer den
Weg bahnte. Mit der Erfindung neuer, mit elektrischem Strom betriebener Instrumente
entstanden parallel dazu auch neue Musiktheorien. Im 1913 erschienenen "Manifest für
den Lärm" schrieb der futuristische italienische Denker Luigi Russolo: "Wir
empfinden mehr Befriedigung in der seltsamen Verbindung von Tramgeräuschen, Auspuffgasen
und dem ununterbrochenen Blabla der Masse als beim Anhören der Symphonie Pastorale oder
Heroica". Im der ersten Hälfte des Jahrhunderts revolutionierten Erik Satie und
später Arnold Schönberg das Prinzip der musikalischen Komposition. Satie verband seine
klanglichen Spielereien, die heute als die ersten Multimedia-Werke gelten, mit den
Hintergrundgeräuschen der Stadt. Schönberg entwickelte seinerseits die atonale Musik und
befreite so die Musik von der Zwangsjacke der Harmonie. Aber die reine elektronische Musik
erblickte eigentlich erst Anfang der Fünfzigerjahre das Licht der Welt. Der deutsche
Komponist Karlheinz Stockhausen aus Köln wandte sein Glaubensbekenntnis, "alle
Klänge, jeder Lärm ist Musik", gleich praktisch in den Studios des Westdeutschen
Rundfunks an. Seine mechanischen Kompositionen vermischten in komplexen Montagen
organische und synthetische Töne miteinander. In Stockhausens Fahrtwasser begeisterte
sich nun ein wachsender Teil der zeitgenössischen Musik für elektronische Tüfteleien
und musikalische Experimente. In Italien waren es Varese und Berio, in den USA John Cage,
in Frankreich Pierre Henry, die der Musik ganz neue Experimentierfelder eröffneten.
Pierre Schaeffer, der Pionier der konkreten Musik, komponierte Werke für Schreibmaschine,
Sirenen und diverse Geräusche, für welche er auch gleich das Prinzip des Sampling
erfand, indem er mit Tonbändern hantierte.
Erst dank des Kinofilms verliess die elektronische Musik den engen Kreis der
intellektuellen und kulturellen Elite, um sich dem breiten Publikum zu stellen. In Filmen
wie "Die Vögel" von Alfred Hitchcock oder "A Clockwork Orange" von
Stanley Kubrick war der Soundtrack vollständig von elektronischen Klängen und
insbesondere vom Gequäke der berühmten Moog-Synthesizer belegt. Mit der Vermarktung der
ersten Keyboards war ein neuer, von den verschiedenten Klangexperimenten angesteckter Rock
geboren. In den USA begeisterten sich die Beach Boys für Studioexperimente, während in
England Pink Floyd und in den Staaten The Grateful Dead die Zeit der psychedelischen Musik
einläuteten - eine unglaubliche, von Geräuschen und Lärmexperimenten durchzogene
Soundorgie. Aber die rein elektronische Musikforschung wurzelte vor allem in Deutschland
auf dem fruchtbaren Boden des Dodekaphonismus. Die Musiker der Gruppe Can, Schüler von
Stockhausen, fusionierten den Rock mit der afrikanischen und zeitgenössischen Musik. So
entstand der sog. Krautrock, eine musikalische Strömung, die die Rockmusik bis heute
animiert - Tortoise, Trans Am, Stereolab oder Salaryman sind nur einige Beispiele dafür.
Can wagte die Verbindung der verschiedensten Musikstile und Instrumentierungen, aber
andere Gruppen beschränkten ihre Klangexperimente bewusst aufs Keyboard allein. Ab 1967
bezeichneten sich die Berliner von Tangerine Dream als rein elektronische Gruppe und
brachten die allerersten langsamen, weitschweifigen Pre-ambient-Kompositionen hervor. Die
kosmischen und hypnotischen Platten von Tangerine Dream wollten den Menschen mit seiner
vergangenen und zukünftigen Umwelt versöhnen.
Aber das Schlüsseltreffen zwischen den Musikern von Kraftwerk geschah in Düsseldorf, wo
"the Godfathers of Techno", wie sie von Carl Craig bezeichnet werden, einander
im Jahre 1968 begegneten. Ralf Hütter und Florian Schneider bildeten zuerst die Gruppe
Organisation, bevor sie ihr legendäres Kraftwerk in Betrieb setzten. Auf den ersten Alben
war der psychedelische Rock noch allgegenwärtig, doch in der Folge baute sich die Gruppe
eine rein elektronische Musik zusammen, eine Mischung aus minimalistischen Popmelodien und
einer protosymphonischen Bewegung. Doch Kraftwerk schaffte vor allem eine revolutionäre
Beziehung mit der Technik und der Zukunft. Jedes seiner Alben, von "Autobahn"
bis "Computerwelt", ist eine Ode an den Fortschritt, an die Maschine, an den
Roboter. Kraftwerk will die Menschen mit dem Computer versöhnen. 1975 kam der
befremdliche Hit "Radioactivity" heraus, eine beängstigende Ballade zum Thema
Kernenergie.
Ein paar Jahre später erblickte in einem Studio in New York der Disco Sound das Licht der
Welt, die andere Wurzel der Techno- und House-Music. Wie vor ihnen Kraftwerk, dachten sich
die modernen Zauberlehrlinge eine rationelle Musik aus und entwickelten eine lineare und
repetitive Musiksprache. Ein Vorläufer dieses Genres, der Italoamerikaner Giorgio
Moroder, verband seine auf dem Moog gespielten Musikschlaufen mit trockenen
Schlagzeugrhythmen, um den Beat zu halten. Jetzt fehlte eigentlich nur noch eine Stimme,
um das neue Produkt populär und leicht wiedererkennbar zu machen. Moroder wandte sich an
schwarze Sängerinnen wie Donna Summer, damit sie auf seinen Stücken die Nacht, den Sex
und den Glauben an die Zukunft besingen. Discosound war eine Musik der Freude und des
leichten Vergnügens, aus den Gay Clubs entstanden, wo sie beharrlich weiterbestand und
sich zur House-Music weiterentwickelte. Ende der Siebzigerjahre kam Disco plötzlich aus
der Mode und verkroch sich im Untergrund, doch sein Einfluss, seine Rhythmik und seine
Freude am Kitsch nährten die ersten Keime der Cold Wave und des Electropop. Gruppen wie
Depeche Mode, New Order, Ultravox und vor allem Deutsch-Amerikanische Freundschaft
vermischten in ihren Liedern locker Discosound und elektronische Musik à la Kraftwerk. Am
Rande der Popmusik, die in den Achtzigerjahren stark kommerzielle Züge annahm, entstand
die industrielle Strömung. Cabaret Voltaire, Psychic TV und Coil erfanden eine Musik
bestehend aus Lärmfetzen, Klangcollagen, gesättigten Symphonien und metallischen
Rhythmen. Nach und nach integrierten diese Gruppen nun auch den Einfluss der Disco-Music
und der schwarzen Rhythmen in ihre Kompositionen. Mitte der Achtzigerjahre waren Cabaret
Voltaire und Coil massgeblich an der Explosion der englischen House-Music mitbeteiligt.
Derweil in den verlassenen Lagerhallen im Herzen von Chicago Leute wie Juan Atkins, Kevin
Saunderson und Derrick May eine abstrakte, aufregende Musik hervorbrachten, eine Art
Strassenkreuzung aus Kraftwerk, Funkadelic und Disco. In den Clubs von Chicago floss die
revitalisierte und entstaubte, wärmere und kommerziellere Disco-Music mit Leuten wie
Marshall Jefferson, Farley "Jackmaster" Funk und Mr Fingers in die ersten
Entwicklungen der House-Music über. In Detroit und Chicago sind es nun die DJs und
Radiomoderatoren der schwarzen Gemeinschaft, die die Zukunft der Dance Music in den
Händen halten und deren weiteren Verlauf bestimmen. Allzu lange von den Wessen
ausgeschlossen, tragen die Schwarzen eine seltsame Revanche davon. Sie, die
Beiseitegelassenen des amerikanischen Traums, komponieren die Filmmusik des dritten
Jahrtausends, eine ebenso funktionelle und sinnliche wie vergeistigte und abstrakte Musik
... die perfekt gelungene Verschmelzung der elektronischen Experimente aus Europa mit dem
schwarzen Groove.
Französischer Text: Michel Masserey - Deutsche Übersetzung: Michel levin