Der DJ - "courtesy of PartyNews Magazine"
In der elektronischen Welt der Techno herrschen die Maschinen wie Alleinherrscher über
die Musik. Kein Liveauftritt ohne Synthis, Sequenzer und Sampler, wobei das Ganze von
einer undenkbaren Anzahl PCs gesteuert wird. Der elektronische Liveauftritt erfordert ein
konsequentes technologisches Back-up, das sich nicht so leicht in Gang setzen lässt. Die
Maschine, die in diesem Zusammenhang mehr zu einem eigentlichen Instrument wird als zu
einem die Phantasie beschränkenden Faktor, eröffnet dem Künstler dann ganz neue
musikalische und künstlerische Möglichkeiten. Die Welt der elektronischen Musik ist
grenzenlos. Jeder Künstler kann darin seinen Platz finden, seine Einstellung zur Arbeit
festlegen, sein Verhalten während des Auftritts definieren. Bei Kraftwerk führte der
Einsatz von Computern notgedrungen zum Minimalismus des Klangs und zur Bewegungslosigkeit,
die für die Bedienung der Regler und Klangfilter nötig ist. Ganz im Gegensatz dazu
lassen Gruppen wie The Prodigy ihrer Leidenschaft auf der Bühne freien Lauf: Sie stürzen
sich Kopf vorüber in die Menge und spielen zur elektronischen Musik ihre Gitarren.
Technomusik kennt keine Abschrankungen zwischen den Stilen. Techno vereint die
verschiedensten Tendenzen, Techno arbeitet in einer Welt ohne Grenzen.
Parallel zu den Livekonzerten, die in erster Linie währen der Festivals stattfinden,
waltet der DJ als Grossmeister über die Partys in den Clubs oder an den Raves. Der DJ,
der zumeist für die Stimmung und oft auch für das gesamte Event steht, zieht es vor, mit
den guten alten Vinylplatten von damals zu arbeiten, und verzichtet locker auf CDs,
DAT-Tapes und weitere Kinkerlitzchen. Klar kann man auch mit CDs einen halbwegs
anständigen Mix zustandebringen, aber der Grossteil der elektronischen Produktion kommt
auf Vinylscheiben heraus, die man nach Belieben spontan modulieren, verzerren und
travestieren kann, weil die Vinylplatte dank ihrer einfachen Technik gleich mit den
Händen bearbeitet werden kann. Das ist es, was gegenwärtig den Vorteil der DJs
gegenüber dem Liveauftritt ausmacht: Man erzielt mit einfachsten Mitteln, nämlich zwei
Plattenspielern und einem Mischpult, ein optimales Resultat.
Aber wenn wir vom DJ-ing reden wollen, dann wäre es doch das einfachste, wenn wir die
Profis, die daraus einen Beruf gemacht haben, direkt darüber befragen würden.
Nachfolgend eine Begegnung mit drei Künstlern, die - jeder in seinem eigenen Stil - aktiv
zur Weiterentwicklung der elektronischen Musik in der Schweiz beitragen.
Seit wann bist du von Beruf DJ?
Willow: Ich mixe seit 1983 und bin seit 1990 Profi.
Eric Borgo: Ich arbeite seit zwei Jahren als Profi und seit fünf Jahren aus Leidenschaft.
St-Paul: Seit 1989.
Warum bist du von Beruf DJ geworden?
Willow: Ich fühlte mich schon immer von der Musik und von den elektronischen Geräten
angezogen. Einmal hat mir ein Freund seine zwei
Plattenspieler und sein Mischpult gezeigt und mir gesagt, ich solle es doch einfach
probieren. Schon beim ersten Kontakt mit dem Mischpult habe ich gewusst, dass ich dafür
gemacht bin.
Eric Borgo: Einfach aus Freude an der Musik und aus dem Drang, diese mit anderen zu
teilen.
St-Paul: Zum Vergnügen, aus Freude am Tanzen, am Mixen und am Forschen nach immer neuen
Tönen.
Wie definierst du die Rolle des DJ?
Willow: Jemand, der durch seine vielen Facetten und Eigenschaften einer Menge Leute eine
Freude bereitet. Jemand, der dem Publikum viel geben kann, damit es zum Austausch kommt.
Der DJ muss grosszügig sein, auf keinen Fall darf er egoistisch denken.
Eric Borgo: Es muss Spass machen, aber man darf den Job nicht auf die leichte Schulter
nehmen. Man muss immer versuchen, das Publikum für neue Musikstile empfänglich zu
machen.
St-Paul: Der DJ ist ein Führer auf einer Forschungsexpedition, der die Leute durch
klangliche und musikalische Emotionen zum Tanzen, zum Abheben, zum Träumen bringt.
Hast du das Gefühl, dass sich der Beruf des DJ weiterentwickelt?
Willow: Nein, ich denke, dass sich heute zu viele Leute als DJ bezeichnen. Die Vermarktung
der Technomusik hat ein Massenpublikum hervorgebracht, das leider nicht viel von der Sache
versteht. Anstatt dem DJ seine Freiheit zu lassen und neue Musiktendenzen bekanntzumachen,
fallen die Leute immer mehr auf die grossen kommerziellen Hits herein. Man sollte es aber
nicht so weit kommen lassen, dass der DJ zu einer lebendigen Juke-Box verkommt. Mit der
neuen Technik wird die Arbeit der DJs mehr und mehr zu einer Mischung aus Live-Performance
und Plattenmix werden, bei der auch Sampler, special Effects usw. zum Zug kommen ... so
könnten dann "live-Remixes" entstehen. Ich arbeite zur Zeit an einem solchen
Projekt.
Eric Borgo: Die Produktion wird zu einem Teil davon. Die MCs, Mixen auf vier
Plattenspielern mit 2 DJs, all das bietet genügend Raum, um zu spielen und neue
Möglichkeiten zu erforschen.
St-Paul: Sicher, aber diese Entwicklung wird wie alle anderen Kunstformen vom goldenen
Dreieck "Ego-Power-Money" behindert.
Haben die DJs in der Schweiz offiziell den Status eines Künstlers?
Willow: Beim Publikum würde ich schon sagen, ja, aber bei den Behörden wohl nicht. Die
Steuerbehörde macht uns regelmässig zu schaffen, die verstehen ja wirklich überhaupt
nichts. Für die sind wir einfach Witzbolde.
Eric Borgo: Das wird noch ein wenig Zeit brauchen, wie auf dem Rest der Welt. Ich selbst
denke, dass die Plattenspieler mit der angemessenen Technik zu echten Instrumenten werden
könnten - man braucht sich nur die wirklich guten DJs anzuhören, um sich davon zu
überzeugen!
St-Paul: Nein, und das liegt wohl am beschränkten Horizont der sogenannten Vertreter
unserer Kultur. Aber mit der grossen Anzahl Leute, die sich dafür interessieren, wird es
schon soweit kommen.
In der Rockmusik wurde die Livemusik glorifiziert. Wie erklärst du dir das neu entfachte
Interesse am DJ?
Willow: Dafür gibt es gleich mehrere Gründe. Erstens sind es zwei völlig verschiedene
Musikstile: Rock ist eher akustisch, während Techno elektronisch ist. Der visuelle Aspekt
dieser beiden Musikformen ist auch völlig das Gegenteil. Techno ist eine Musik für
Clubs, für den Dancefloor, sie kann stundenlang weiterlaufen, damit die Leute so lange
wie möglich tanzen können. Eine Rockgruppe könnte wohl kaum 6 bis 8 Stunden lang mit
derselben Energie spielen; ein DJ kann das sehr wohl. Der DJ hat ausserdem noch andere
Vorteile: er kann alle Musikstile auflegen, die er will, er kann Elemente aus der ganzen
Welt in seiner Musik integrieren, und er muss sich nicht auf einen bestimmten Stil
beschränken. Aber ich denke, es ist wohl überflüssig, die beiden Musikstile miteinander
vergleichen zu wollen, weil es einfach zwei ganz verschiedene Sachen sind.
Eric Borgo: Rockmusik befindet sich zur Zeit auf dem absteigenden Ast, während die
aktuellen Musikstile jetzt die Hauptvektoren der Entwicklung darstellen. Daher auch der
Starkult, der um die DJs getrieben wird. Ausserdem verkauft sich Techno heute sehr gut und
kann in Zukunft noch viel mehr verkaufen. Weil die Plattenfirmen für ihr Marketing immer
ein "Gesicht" brauchen, müssen die DJs halt dafür herhalten.
St-Paul: Wie die meisten Musiker haben sich die DJs gleich für die Musiktechnologie
interessiert, mit den kreativen Möglichkeiten, die sie ihnen eröffnet, sowohl auf
klanglicher Ebene als auch in Sachen Technik. Es brauchte seine Zeit, bis die Technik
gemeistert werden konnte, und diese Musik kam am Anfang wohl vielen Leuten ziemlich
lächerlich vor. Aber jetzt kommt der elektronische Liveauftritt langsam zur Reife.
Wie siehst du die Zukunft der Tätigkeit des DJs?
Willow: Wenn es so weitergeht wie bisher, und die einzige Überlebensmöglichkeit für DJs
bei der Produktion liegt, dann gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder das Publikum
wacht auf, oder es werden nur die besten überleben.
Eric Borgo: Die Zusammenarbeit mit Livemusikern und die Arbeit mit den Plattenspielern
wird vielleicht bald nicht mehr genügen. Es wird immer mehr Sampler geben, immer mehr
Keyboarder, Bassisten, Perkussionisten ... Es wird in alle Richtungen abgehen.
St-Paul: Die Zukunft sieht rosig aus für alle, die gern etwas Neues einführen, die
Phantasie haben, die auf bislang unerforschten Pfaden gehen.
Ist Produzieren die ideale Ergänzung für den DJ?
Willow: Produzieren ist eine unumgängliche Ergänzung für die erfolgreiche Karriere
eines DJs. Durch den weltweiten Vertrieb kann sich ein DJ so rasch Bekanntheit
verschaffen. Dazu kommt das gute Gefühl, das du hast, wenn eines deiner Stücke Erfolg
hat. Wenn man zudem durch die Arbeit im Studio den Klang seiner Mixes noch verbessern kann
und dadurch auch sein Gehör verfeinert, dann arbeitet man danach auch viel besser am
Mischpult. Aber das grosse Problem ist, dass viele gute Produzenten, die sich auch als DJs
bezeichnen, als DJs einfach total schlecht sind. Aber ich liebe meine Arbeit und hoffe,
das ich noch viele Jahre in diesem Beruf arbeiten kann.
Eric Borgo: Ideal vielleicht nicht. Es gibt ausgezeichnete DJs, die schlechte Produzenten
sind und umgekehrt. Der DJ ist immer mit dem Dancefloor konfrontiert und kennt folglich
die Rezepte, um ein effizientes Stück zu komponieren. Aber man muss sich noch die Frage
stellen, ob Effizienz ein Ziel der Musik an sich sein sollte. Ich glaube eigentlich nicht.
St-Paul: Nicht unbedingt, du kannst auch andere Wege beschreiten, die genauso interessant
und spannend sein können. Aber Produzieren ist auch ein sehr interessantes
Tätigkeitsfeld.