"Seit die Kunst nicht mehr
die Nahrung der Besten ist, kann der Künstler sein Talent für
alle Wandlungen und Launen seiner Phantasie verwenden. Alle Wege stehen
einem intellektuellen Scharlatanismus offen. Das Volk findet in der Kunst
weder Trost noch Erhebung. Aber die Raffinierten, die Reichen, die Nichtstuer
und Effekthascher suchen in ihr Neuheit, Seltsamkeit, Originalität,
Verstiegenheit und Anstößigkeit. Seit dem Kubismus, ja schon
früher, habe ich alle Kritiker mit den zahllosen Scherzen zufriedengestellt,
die mir gerade so einfielen und die sie um so mehr bewunderten, je weniger
sie ihnen verständlich waren. Durch diese Spielereien, diese Rätsel
und Arabesken, habe ich mich schnell berühmt gemacht. Und der Ruhm
bedeutet für den Künstler: Verkauf, Vermögen, Reichtum.
Ich bin heute nicht nur berühmt, sondern auch reich. Wenn ich aber
allein mit mir bin, kann ich mich nicht als Künstler betrachten im
großen Sinne des Wortes. Große Maler waren Giotto, Tizian,
Rembrandt und Goya. Ich bin nur ein Spaßmacher, der seine Zeit verstanden
hat und alles, was er konnte, herausgeholt hat aus der Dummheit, der Lüsternheit
und der Eitelkeit seiner Zeitgenossen."
Picasso
Madrid, 2.Mai 1952
Aus: "Die deutsche Schrift", Vierteljahreshefte zur
Förderung der deutschen Sprache und Schrift, 124. Folge, 64. Jahrgang,
Heft 3/ 1997.