Der Goldene Schnitt beim Menschen

Man hat immer wieder auch versucht, am menschlichen Körper harmonische Proportionen und den Goldenen Schnitt (z.B. Körpergröße: Nabel) aufzufinden.
Die klassische griechische Plastik "zeigt eine Kunst, die das Leben widerspiegelt, die ein Ideal im Abbild des Menschen ausdrückt und die Oberherrschaft von Muster und Proportionen anerkennt." (J. Boardman, Griechische Plastik, Main 1987, S.33)

Leochares, Apoll vom BelvedereDer Gedanke des Maßes, der Proportion hatte für die Greichen nicht nur einen quantitativen Sinn: métron heißt Maß im Sinne des Messens, aber auch "das rechte Maß" im ethischen Sinn; lógos bedeutet "Proportion" (Zahlen- und Längenverhältnis), aber auch "Wort, Sinn", d.h. nach griechischer Auffassung gaben Zahlen und ihre Verhältnisse einen Einblick in die wahre Natur der Sache. Nach Platon ist der Mensch das Wesen, das "Gefühl für Ordnungen und Unordnun in den Bewegungen hat, für das also, was man als Rhythmus und Harmonie bezeichnet". Es geht also nicht um abstrakte Maßverhältnisse, sonern um den organischen Aufbau des Ganzen, zunächst des menschlichen Körpers, dann aber auch um den lebendigen Zusammenhang des menschlichen Mikrokosmos etwa mit dem Tempel und schließlich mit dem Kosmos (eigentlich: "Schmuck", "schöne Ordnung des Ganzen") überhaupt.

Der Goldene Schnitt an der Hand Der griechische Buchstabe Polyklet (2. Hälfte des 5. Jh. v. Chr.) soll in seinem leider verlorenen Buch "Kanon" (Richtschnur) dargelegt haben: "Die Schönheit liegt im richtigen Maßverhältnis der Glieder, nämlich eines Fingers zum anderen, aller Finger zur Mittelhand und zur Handwurzel, dieser aller zur Elle, der Elle zum Arm und aller Teile zu allen, wie es im Kanon des Polyklet geschrieben steht." (Galen, griech. Arzt 129 - 199 n. Chr.)


Der Goldene Schnitt beim Menschen Der Mensch als das "Maß der Dinge" (Protagoras, 480 - 410 v Chr.) war Vorbild für die Proportionen des griechischen Tempels: "Wenn man sich also darüber einig ist, daß die Zahlenordnung von den Gliedern des Menschen hergeleitet ist, und daß zwischen den einzelnen Gliedern und der Gesamterscheinung des Körpers eine entsprechende, auf einem Grundmaß (modulus) beruhende Symmetrie besteht, bleibt nur übrig, daß wir denjenigen Anerkennung zollen, die beim Bau der Tempel ... die Glieder ihrer Werke so geordnet haben, daß mit Hilfe von Proportionen und Symmetrie (richtigem und schönen Maßverhältnis) deren Gliederungen im Einzelnen wie im Ganzen zueinander passend geschaffen wurden." (Vitruv, de architectura, entstanden ab 33 v. Chr., III. Buch). So erfanden die Griechen "durch zwei unterschiedliche Ent-lehnungen vom menschlichen Körper zwei Säulenordnungen, eine vom männlichen Körper ohne Schmuck - nackte Schönheit - , die andere mit fraulicher Zierlichkeit, fraulichem Schmuck und fraulichem Ebenmaß." Die korinthische Bauweise "ahmt jungfräuliche Zartheit nach, weil die Jungfrauen, wegen der Zartheit ihres Alters mit zarteren Gliedern gewachsen, anmutiger im Schmuck wirken." (Vitruv, IV. Buch)

G. Schnitt beim Menschen Diese Ideen sind in der Baukunst der Renaissance wieder aufgegriffen worden, und einer der bedeutendsten Architekten des 20. Jh., Le Corbusier (1887 - 1965, hier eines seiner bedeutendsten Bauten, die Kirche Notre-Dame du Haut nahe Ronchamp im französischen Burgund, 21 K), suchte mit einem auf dem Goldenen Schnitt aufgebauten Proportionssystem, dem "Modulor" (Maßgeber) wieder eine humane, d.h. von der menschlichen Figur ausgehende Architektur zu schaffen.

Der Mensch im Pentagramm Der Arzt und Mystiker Agrippa von Nettesheim (1486 - 1535) ... stellt den Zusammenhang zwischen Mensch, Maß und Kosmos im Bild der Menschengestalt im Pentagramm dar, umgeben von den Planetensymbolen. In der "Occulta Philosophia" schreibt er: "Der Mensch, als das schönste und vollendetste Werk Gottes, als sein Ebenbild und als eine Welt im Kleinen, hat einen vollkommeneren und harmonischeren Körperbau als die übrigen Geschöpfe und enthält alle Zahlen, Maße und Gewichte, Bewegungen, Elemente, kurz alles, was zu seiner Vollendung gehört, in sich und alles gelangt in ihm, aös dem erhabendsten Meisterwerke, zu einer Vollkommenheit, wie die übrigen zusammengesetzten Körper sie nicht besitzen.